Rückblick:
Hanseboot 2008
von
Bobby Schenk
Die Stimmung war zu Beginn
jedenfalls negativ. Für weitere Unruhen sorgten nicht nur die Hiobsbotschaften
von den Börsen, sondern auch, ganz handfest aus den Bootsbauerkreisen:
Produktionsstopp bei Bavaria, Etap und Dehler, zwei gigantische Fragezeichen,
die auch für mehrere kleinere Betrieben gelten, was in nächster Zukunft die
gesamte Branche beunruhigen wird.
Eines vorweg: Es ist nicht so
schlimm gekommen wie befürchtet. Martin Muth, neuer Projektleiter der
Hanseboot, hat mit Umsicht, herzlicher Verbindlichkeit und ausgestrahlter Ruhe
das Schiff "Hanseboot", sicher souveräner als manch anderer
Siebengescheiter, durch das Kabbelwasser gesteuert und in ein paar
Jahren wird mancher darüber lächeln, wie groß die Aufregung zu Beginn der
Hanseboot 2008 gewesen ist. Zur Seite sind ihm gestanden runde hunderttausend
Besucher, von denen die wenigsten zu den potentiellen Schiffskäufern zählten.
Aber, auch hier die positive Grundeinstellung bei den Verkäufern: "Endlich haben wir Zeit, die
Kunden ausführlich zu beraten!"
An echten Neuerungen gab es,
wie üblich in den letzten dreißig Jahren, nichts zu sehen. Die kleinen
Zubehörlädchen kommen und gehen, ohne großartige Spuren zu hinterlassen. So
ähnlich wie die unvermeidlichen Klebstoff-Anpreiser, Fleckenreinigungs-Anbieter
oder die Eisverkäufer.
Die
Hanseboot 2008 hat sich endlich
ein recht ordentliches Wasserbecken geleistet und dort ein volles Programm
angeboten, unter anderem eine Horde von Weltumseglern, die mehr oder weniger,
wie sollte es anders sein, alle dasselbe erzählten. Das Publikum war gnädig
und tat, als ob alles, was da von Galapagos - den Schildkröten und so -
berichtet wurde, ganz
neu sei. Dem Freizeitpublikum war es auch egal, wer was zum Thema Einhandsegeln
befragt wurde. Kurzum, und das weiß auch jetzt die Messeleitung, wer sich ans
Wasserbecken, an die Arena, setzt, möchte Aktion haben. Modellboote,
Jollensegeln, aufplatzende Rettungsinseln und gar Modenschauen sind - in diesem
Fall - besser als das gesprochene Wort. Noch eine ganz persönliche Bemerkung
und das wurde in diesem Jahr erneut bewiesen: Der wortgewaltige Moderator
Christoph Schumann wird noch auf lange Zeit nicht annähernd zu ersetzen sein!
Was hat es interessantes Neues
gegeben?
Gar nichts! Insbesondere sind
die angeblichen Schiffsneuheiten meist alte Bekannte. Ein paar Fuß länger
(oder kürzer), ein angeblich neues Einrichtungsrezept (das meist in einer
"ganz neuen" Farbkomposition besteht, häufig braun, grau und weiß,
oder dunkelgrau und hellweiß - jedenfalls so in etwa) und die einzig wirkliche
Neuerung, eine überarbeitete Preisliste, Tendenz - selbstverständlich - Krise
hin oder her, nach oben.
Macht nichts, schließlich sind
Bootsausstellungen nicht dafür da, dass man sich jedes Jahr ein neues Schiff
kauft. Es ist doch schon ein großes Ausstellungserlebnis, wenn man sich am
Abend sagen kann: Mein Schiff ist 20 Jahre alt und immer noch kein Oldtimer.
Bleibt die Frage, ob man unter
diesen Umständen überhaupt noch eine Bootsausstellung besuchen soll? Na klar,
solche Ausstellungen sind unersetzlich, was würde man sonst bei diesem Wetter
im späten Oktober als Segler schon machen können. Ich bin jedenfalls all die
nächsten Jahre dabei. Mit Begeisterung.
Eine
besondere Attraktion Hamburgs ist der Messehafen am Tor zur Welt. Und es ist
immer noch ein großer Unterschied, ob man, wie in der Messehalle, auf eine
Hochseeyacht hinaufsehen muß, oder aber, ob sie einem zu den Füßen liegt. In
letzterem Falles stellt sich zwischen Besucher und Yacht gleich ein anderes
Naheverhältnis ein. Auch wenn man sich schon fragen muß, wer sich solche
Yachten, eine Mio und aufwärts, leisten kann - außer Bankern vielleicht. Aber,
im Geiste so einen Kunststoff- oder Alu-Schlitten niederzukritisieren, hat ja
auch was Befriedigendes. Der Fuchs mit den Trauben lässt grüßen.
Eine
Spazierfahrt mit dem Shuttle Bus zum Hanseboot-Hafen lohnt sich allemal, auch
wenn die Segelyachten außerhalb jeder vernünftigen Reichweite sind. Eine
Million Euro scheint nicht mehr sehr viel zu sein. Eine, ebenfalls nicht ganz
billige Motoryacht fällt dort aus dem Rahmen. Sie gehört
einem der Großen in der deutschen
Segelszene (!), nämlich Svante Domitzlaff. Sein Schiff ist, ja wie soll man es
am besten beschreiben, ein kriegsschiffähnlicher schwarzer Kasten mit großen
Fenstern, an denen zwei LKW-Scheibenwischer im Seegang für klare Sicht sorgen
sollen. Der Aushilfsverkäufer in der wohlig beheizten Kajüte, ein junger
Student, beklagt sich, dass Besucher schon mal von einem
„Leichentransporter“ sprechen.
Nicht die leiseste Ähnlichkeit mit den klassischen Angeber-Motoryachten gibt
es. Kennt man Svante, dann wischt man den ersten Gedanken an eine Provokation gleich beiseite. Erst recht dann, wenn man die Preisliste für die Pinasse durchliest. Das Schiff ist in erster Linie für Binnengewässer, höchstens noch küstennahe Hochsee gebaut. Der äußerst geringe Tiefgang, die Motorisierung mit zwei Diesel von BMW
über 250 PS, die Geschwindigkeit als Halbgleiter mit deutlich mehr als 15 Knoten und nicht zuletzt der großzügige Lebensraum "unter Dach" sind durchaus gute Kaufargumente - trotz des gewöhnungsbedürftigen Aussehens.
 Am
Rande - und wer sich nur fürs Segeln interessiert, braucht hier erst gar nicht
weiter zu lesen: Der Kampf um den Delius Messe Cup wurde fortgesetzt. Wegen der
gleichen Chancen wurden auch keine Jollenklasse oder gehandicapte Yachten
ausgewählt, sondern gleich motorisierte vierrädrige Karts. Die Schlacht fand
in der Einsath-Halle in Nedderfeld/Hamburg noch am Freitag spät abends statt
und zwar mit 5,5-Pferdestärken, die jedem ernsthaften (und daher umweltbewussten) Yachtsegler ohnehin zu wenig wären. Um es kurz zu machen: Der
riesige Pokal blieb beim vorherigen Besitzer (nicht Eigentümer, weil
Wanderpokal). Favorit Jochen verschlief auf der Pole-Psition den Start, wurde
zur Strafe in die Bande abgeschossen und von einem Dutzend Kampfgenossen
passiert. In einer bespiellosen Aufholjagd, kämpfte er sich auf den zweiten
Platz zurück und hätte, ja eben "hätte", sich leicht wieder an die
Spitze des Feldes setzen können, wenn, ja eben "wenn", das Rennen
noch ein paar Runden länger gedauert hätte - "hätte", der Feind des
Verlierers ist eben der Konjunktiv. Die nachfolgenden Plätze gingen, wie üblich
an die Routiniers von Delius Klasing, an Georg Christ, Gerhard Kley und Lars
Neuwöhner. Bemerkenswert
der Einstand des YACHT-Chefs Jochen Rieker (Bild rechts oben), der sich als
Newcomer, sozusagen als Rookie, einen beachtlichen Platz im Mittelfeld mit
46er-Runden erkämpfte. Der Sieger war auch nur ein paar Zehntelsekunden
schneller.
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